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"Es ist fertig, und ich bin noch da."

Blickt der Mensch anders auf sein Leben, wenn der Tod näher rückt? Wird, was einmal wichtig war, nun unwichtig? Was bereut man, was hat man erreicht, was wird bleiben? Diese grundsätzlichen Fragen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern beantworten zu lassen, ist spannend und interessant, weil sie es sind, die für das schwer Greifbare, das kaum zu Verstehenden, sehr oft die passenden Wörter, die richtigen Formulierungen finden. Ein Buch, das allen, die mit dem Sterben unmittelbar konfrontiert sind – Betroffenen wie auch Angehörigen – Einblicke in das Denken und Handeln grosser Intellektueller gewährt. Bei einigen der Befragten überwiegt Wehmut, auch Bitterkeit, bei anderen eher Gelassenheit, ja sogar Heiterkeit.

"Ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig, und ich bin noch da.", sagt Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (1929-2016). Eine nicht leicht zu verstehende Aussage. Da lebt einer, ist noch da und ist sich sicher, es kommt nichts Neues mehr. Alles schon erlebt. Was für ihn noch bleibt, ist das Warten auf den Tod. Ist es wirklich nur ein Warten, ein Ausharren? Oder gibt es noch etwas zu sehen, ja womöglich gar zu erleben auf der letzten Wegstrecke?

Das Lebensende zwingt einen, die Blickrichtung zu wechseln. Ging es einst nur vorwärts, waren der Horizont weit und die Perspektiven grossartig, so liegt am Ende des Lebens eine überschaubare Wegstrecke vor einem. Im Rückspiegel zeigen sich die Erinnerungen an längst vergangene Tage: vieles gut gemacht – einiges würde man mit dem Wissen von heute wohl anders angehen. Aber eben "würde".

 

Die Vorsorge hat sich erledigt. Angepasstes Verhalten zahlt sich nicht mehr aus. Warum also noch Kompromisse eingehen? Die restliche Lebenszeit ist kostbar – man will sie nicht an Unnötiges verschwenden. Es gibt Menschen, die werden im Alter radikal. Es gibt keine Versprechungen mehr, die sich einlösen lassen, kaum mehr Trost, die Freuden werden immer seltener. Die Verzweiflung bestimmt die Tage.

Wer sich von falschen Vorspiegelungen nicht betrügen lässt, der gewinnt eine neue Freiheit. Die hochbetagten Gesprächspartner von Iris Radisch müssen sich und der Welt nichts mehr beweisen, sie müssen sich nicht mehr anpreisen und auch niemanden mehr schonen. Die Masken dürfen fallen. Zum Vorschein kommt nicht selten eine heitere Gelassenheit, dem Tod wird sein natürlicher Platz eingeräumt. Es gibt aber auch Empörung: über die Frechheit des Todes, sich überhaupt ins eigene aktive Leben einzumischen.

Der Tod setzt andere Vorzeichen. Für den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989), der im vorgestellten Buch aber nicht vorkomm, ist angesichts des Todes "alles lächerlich". Elias Canetti (1905-1994), ebenfalls ein Nobelpreisträger, lebte im Alter in Zürich sehr zurückgezogen, in der Hoffnung, wie er selber formulierte, "vom Tod vergessen zu werden".

 

Was können Normalsterbliche aus Gesprächen mit betagten Schriftstellerinnen und Schriftstellern lernen? Sehr viel. Dank ihrer Sprachkompetenz, ihres dokumentierten und notierten eigenen Lebens (Tagebücher, Autobiographien, biographische Romane), ihrer immerwährenden literarischen Auseinandersetzung mit den grossen Themen des Lebens, wie Liebe, Macht, Geld und eben dem Sterben, besitzen sie vielleicht eher den Mut und die Kraft dem Tod die Stirn zu bieten. Um ihn am Ende dann vielleicht etwas besser akzeptieren zu können.

Das erwähnte Buch:

Radisch, Iris: Die letzten Dinge, Lebensendgespräche; Rowohlt, 2015

Autor: Heinz Haug / haugsache.ch